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Mittwoch, 18. März 2015

Crunchbang Linux, ein Erfahrungsbericht - und leider auch ein Nachruf


Crunchbang Linux wird leider nicht mehr weiterentwickelt, daher ist dieser Erfahrungsbericht, den ich auf Ciao.de erstveröffentlicht habe auch sowas wie ein wehmütiiger Nachruf

Es gibt zwei Arten von Linuxdistributionen
- die einfachen und schlanken, die versuchen auf allen Firlefanz zu verzichten, damit die Distribution auch auf ältester Hardware noch läuft und dazu alles weglassen, was nur immer geht
- die Eyecandy Distros, die mit grafischen Effekten, hochkomplexen Desktopenvironments und allem Schnickschnack anbieten
und es gibt Crunchbang Linux, schlicht auch einfach #! genannt

what the #!

Crunchbang geht einen eigenen Weg. Bei Crunchbang soll der Desktop vorallem eins: nicht nerfen, keine unnötigen Resourcen verschwenden und einfach Fenster darstellen damit sie funktionieren. Um das hinzubekommen verwendet Crunchbang kein vollständiges Desktopenvironment, sondern nur einen Fenstermanager, genauer gesagt Openbox. Dabei verzichtet aber #! nicht auf alle notwendigen Funktionen und bietet keine abgespeckte Linuxversion, sondern ist ein ausgewachsenes Debian GNU/Linux.
#! will also kein "Damn Small Linux" oder "Puppy Linux" sein, es verzichtet auch nicht auf hochkarätige, auch Ressourcenhungrige Anwendungen wie GIMP oder Firefox (wie bei allen Debian basierenden Distros heisst der hier Iceweasel) und es ist auch kein Linux das speziell für ältere Hardware konzipiert wurde. Trotzdem kann man damit auch wieder ältere Hardware flott machen, weil #! auf alles verzichtet, was eben nicht nötig ist: einen überladen Desktop

Desktop Environment vs Fenstermanager

Von einem Betriebsystem erwartet man eigentlich ein komplettes Desktop Environment, also einen kompletten Desktop mit Panel (Task- und Startleiste), einem Dock also Programstarter, tollen grafischen Effekten, einem Dateimanager und unzähligen kleinen Hilfspogrammen für die Einstellung und die Verwaltung des Computers (c.z. ein Paketmanagement für komprimierte Dateien, Netzwerkverwaltung, Tastatur-, Maus-, Sprach etc Einstellungen, einen Kalender usw etc pp.
Die meisten stellen das auch so zur Verfügung und pimpen das ganze noch durch schöne grafische Effekte und so hat man nach dem Auspacken, bzw installieren ein kompletter Desktop der einem das Arbeiten und einrichten sehr erleichtert
Und dann gibts die Fenstermanager, die auch eine Kernkomponente eines Desktops darstellen, aber eben nichts, bzw nicht viel anderes machen als eben: Fenster anzeigen. Da gibt (meist) kein Panel, keine grossen Grafischen Effekte, keine zusätzlichen Programme, manchmal nicht mal ein Menü zum Programme starten. Damit kann man doch nicht arbeiten oder?

der #! Desktop

nein, eigentlich nicht, ein Fenstermanager, mit dem man wirklich arbeiten will, muss etwas konfiguriert werden. Das ist normalerweise eine Relativ komplexe Aufgabe, da man die Programme und tools die man mit einem Fenstermanager will, konfigurieren muss. #! nimmt da erfreulicherweise etwas Arbeit ab und hat der Fensterverwalter schon etwas vorkonfiguriert, so das ein benutzbarer Desktop zustande kommt. Dieser besteht:- aus dem Openbox Fenstermanager
- dem Tint2 Panel
- dem Conky Systemmonitor
- einigen xfce applets zur Netzwerk, Lautstärke und Tastautrverwaltung
- dem Clipit Zwischenablagenverwalter
Openbox
Openbox ist, wie schon erwähnt, der Fensterverwalter. Openbox ist dabei vorallem auf Sparsamkeit ausgelegt, verzichtet dabei aber nicht, wenn das gewünscht ist, auf einfache grafische Effekte wie animiertes Vergrössern und Minimieren der Fenster, Transparenz oder Schattenwurf. Openbox kommt mit einem Startmenü daher, das man durch einen Rechtsklick auf dem Desktop aufrufen kann. Anders als bei vollständigen Desktops werden Menüeinträge da nicht automatisch hinzugefügt oder entfernt, wenn man ein Programm installiert oder deinstalliert, sondern muss dies selber machen.
Das hat zum Nachteil, dass man das Menü selber pflegen muss: das mag Anfangs etwas umständlich wirken, hat aber einen ungemeinen Vorteil: Bei Desktops nämlich, die Menüeinträge automatisch vornehmen, werden die Programme nicht immer da abgelegt, wo man sie sucht oder braucht, manchmal werden mehrere Einträge für ein Programm gemacht, so dass das Menü schnell unübersichtlich wird, man muss dann, um das anzupassen ein Konfigurationstool herunterladen und selber Hand anlegen, was mal schlecht und mal recht geht.
Das alles kann man sich sparen, wenn man die Menüeinträge direkt selber vornimmt, da ist alles da, wo man es will, und nur da.
Tint2
Tint2 ist ein kleines Panel, in dem die offenen Programme, sowie Uhr und die xfce Applets angezeigt werden, also eine Taskleiste. Tint2 ist, wie fast alles bei #! über eine Textdatei editierbar, so dass man Höhe, Farbe, Einträge, Position usw. Bequem seinen Bedürnissen anpassen kann.
Exkurs: das Anpassen per Text
Normalerweise ist man es gewöhnt, seine Einstellungen für das Aussehen und Verhalten von Programmen über kleine Grafischen Programme vorzunehmen, in denen man Schieberegler, Prozentangaben, Farbauswahl usw vornimmt. Bei #! wird das meiste über config Files im Textformat vorgenommen. Das mag zwar gerade Anfänger etwas abschrecken, da das alles zuerst wie Bahnhof wirkt: hat man sich jedoch einmal daran gewöhnt, hat man seine Einstellungen sehr schnell erledigt, ausserdem erkennt man dadurch mehr wie etwas funktioniert, was auch dazu führen kann, dass man andere config files beginnt seinen Bedürfnissen anzupassen - z.b. hat mit die Fensterumrandung meines ansonsten präferierten optischen Gewands meines Dekstops nicht gefallen, also hab ich das Kurzerhand meinen Wünschen angepasst.
Conky
Conky ist primär ein kleiner Systemmonitor, der unendlich Konfigurierbar ist. In der Auslieferung zeigt er ausserdem noch die vorporgrammierten Shortcuts an, was überaus nützlich ist,, wenn man ein Programm schnell starten möchte und es nicht erst im Menü finden will. Wie schon erwähnt, ist auch Conky über eine Textdatei konfigurierbar: und zwar bis in das hinterste Eck (Position, Grösse, Einträge die angezeigt werden sollen, Hintergrundfarbe, Hintergrundbild, Textfarbe, Aktualisierungsgeschwindigkeit, Position usw usw usw. )
die Applets und Clipit
Die xfce Applets und Clipt ist kleine Tools die im Systemabschnitt von Tint2 auftauchen. Diese sind nicht Grossartig konfigurierbar, bieten aber sehr schnellen Zugriff auf die Funktionen, ähnlich wie man das aus der Windowstaskleiste her kennt.

die mitgelieferten Programme

mit nur einem Desktop kann man nicht Arbeiten, man braucht auch noch einige Programme. Crunchbang wird standartmässig ausgeliefert mit
- Iceweasel (Firefox, heisst nur anders, ist ein Debianding)
- Thunar, dem Dateimanager aus dem xfce Desktop
- GIMP - dem wohl umfangreichsten Grafikprogram
- Geany - eine kleine Entwicklungsumgebung und Texteditor
- Abiword und Gnumeric - Textverarbeitung und Tabellenkalkulation aus dem GNOME Office Paket
- VLC Media Player - der Media Player er mit jedem Dateiformat klar kommt
- Synaptic - Debians grafische Paketverwaltung
- Terminator - ein Terminalemulator
- Catfisch - ein Dateisuchprogramm
- Transmission - ein Torrenttraker
- xchat - ein IRC Chat Client
- gparted - Ein Partitionierungsprogram aus dem Gnome Desktop Envoirment
- file roller - Archivverwalter aus dem Gnome Desktop Envoirment sowie die GNU- Posix- und unixoiden Standarttools wie man sie auf jedem Linux findet und die dafür sorgen, das das System überhaupt funktioniert

#! ? Its a Debian, you cant kill it

#! Linux basiert auf Debian und verwendet auch die Debian Quellen zum Updaten und um neue Programme zu installieren (über synaptics oder per apt/dpkg wenn man aus Textkonsole arbeiten möchte), und zwar genauer gesagt auf Debian 7. d.H. hier kommt nur jahre Lang geprüfte und getestete Software zum Einsatz, die, Debiantypisch zwar nicht auf dem neusten Stand ist, aber extrem stabil und unkaputbar. Im Gegensatz zu anderen Distributionen, die gerne auch mal etwas experimentieren, ist es bei Debian üblich, keine neuen Versionen einer Software auszliefern innerhalb derselben Versionsnummer; es werden nur Fehler behoben. Das macht Debian, und damit auch #! zu einem der stabilsten und unkaputbarsten Betriebsysteme überhaupt. Ausserdem hat man dadurch zugriff auf ca 32000 Programme, die alle gepflegt und geprüft sind von der Debian Community und das installieren, deinstallieren, neu installieren führt zu keinerlei Konflikten. Das ganze läuft und läuft und läuft einfach.
Ausserdem machts die Paketverwaltung von Debian sehr leicht, Programme zu installieren und zu deinstallieren, da das System automatisch Prüft, ob noch weitere Komponenten nötig sind, und läd diese automatisch nach.

mein #!

Nachdem ich mein vorhergehende System mal wieder zutodegespielt habe, wollte ich mal was neues, und bin bei #! gelandet und war sofort angefixt. Die Installation verlief Debiantypisch kinderleicht durch den grafischen Installer. Einzig, auch Debiantypisch waren keine Wlantreiber vorhanden, aber diese hab ich mir sowieso schon lange auf einem USB stick zwischengespeichert, von daher gabs da keine Schwierigkeiten. Wer #! auf einen Computer oder Laptop installieren will, und nur über Wlan Zugang zum Internet hat, sollte sich also vorher die Broadcom Wireless Treiber von der Debian Homepage herunterladen. Ethernet und der gesammte Rest der Hardware wurde einwandfrei erkannt.
Anders als Debian, und das ist wohl geschuldet daran, dass #! früher auf Ubuntu aufsetzte, werden die unfreien Treiber für Audio, Video usw schon automatisch Installiert, d.h. man muss nach der Installation nicht nachfrickeln, wenn man etwas Musik hören will.
Ebenfalls Ubuntu like ist, dass kein Rootkonto eingerichtet wird und man üblicherwiese über sudo auf die Adminfunktionen zurückgreifft. Richtet man sich nur einen Computer für einen User ein, ist sudo eh der einfachere Weg, sein System zu verwalten, wer mehrere User einrichten will, kann sich das Rootkonto nach der Installation freidschalten.Das Arbeiten mit Openbox hab ich mir sehr schnell angewöhnt - es macht richtig Spass, das Aussehen und das Verhalten des Fensterverwalters bis ins kleinste Detail selber zu manipulieren, so dass alles genau so aussieht und funktioniert wie man es will. Auch bin ich von der Performance extrem begeistert: das frisch gestartet System braucht gerade mal 160 MB Ram und belastet den Prozessor nur mit 1% - das ist, für ein komplettes Debian System einfach nur der Hammer.
Natürlich hab ich mir dann auch die Programme installiert die ich wollte, und das ungewollte entfernt, was, wie schon erwähnt, Debian typisch ein Kinderspiel ist. Da Debian 8 (testing) inzwischen eingefrohren wurde (der zustand, bei dem an den Dateiversionen nichts mehr verändert wird und nur noch Fehler korrigiert werden) hab ich dann das System auf Debian 8 geupdatet, was erstaunlich einfach ging, blos die Audiotreiber hats zerschossen, was aber nach etwas Googlen schnell gelöst war.Nach etwas Rumhacken am Aussehen und der Funktion hab ich nun ein System auf meiner Kiste, das mich schlicht begeistert durch die Performance, das Understatement in der Funktion, dem Simplen und doch praktibalen Äusseren und der unendichen Hackbarkeit des Systems. Und bei jeder Frage die ich bisher hatte, fand ich im Crunchbang Forum schnell die passende Lösung (leider nur auf Englisch, die deutssprachige Crunchbang Community scheint in einem Dornröschenschlaf zu sein

dein #! ?

für wen nun ist Crunchbang zu empfehlen? Sicher nicht für Menschen, die die ersten Schritte in einem Linux System machen, dazu ist hantieren mit config files ein Böhmisches Dorf, diese sind mit Ubuntu oder Linux Mint sicher besser bedient. Wer aber schon Erfahrungen mit Linux gesammelt hat, keine Angst davor hat, selber Hand anzulegen und auch gerne etwas rumbastelt, und trotzdem ein grundsolides, nahezu unkaputbares und dabei noch schnelles und einfach nur cooles System haben will, der sollte sich #! mal anschauen, es könnte sein, dass er sich in dieses System verliebt.

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